Doris Kirch

Du könntest eine Auszeit brauchen? Dann nimm doch einfach ein „Bad im Wald“. Waldbaden ist alles andere als ein neuer alberner „Wellnesstrend“. Das Waldbaden erfreut sich zunehmender Beliebtheit, um wieder zu sich zu kommen und in der Natur neue Kraft zu schöpfen. Entdecke den Wald mit den Augen der Achtsamkeit als echte Ressource für dein körperliches und seelisches Wohlbefinden.

Was ist Waldbaden?

Unter Waldbaden versteht man das bewusste Verweilen im Wald – um den Geist zu klären und das Gemüt zu beruhigen. Entdeckt wurde es in Japan, wo es den klangvollen Namen Shinrin Yoku hat, was soviel bedeutet, wie „Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes“.

„Medicus curat, natura sanat“ (der Arzt behandelt, die Natur heilt), wusste schon in der Antike der griechische Arzt Hippokrates von Kos. Und so gibt es auch für die Wirkungen des Waldes auf den menschlichen Organismus bereits Studien aus Japan und den USA. Sie belegen die gesundheitsfördernden Wirkungen des Waldbadens auf Körper und Geist.

Shinrin Yoku: Von den Krankenkassen anerkanntes Konzept

Die Japaner ließen diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen dann auch direkt Taten folgen: Das Konzept Shinrin Yoku wurde wegen seiner heilsamen Eigenschaften bereits in den 1980er Jahren als offizielle Gesundheitsstrategie anerkannt und in physische und psychotherapeutische Therapien integriert, die von den Krankenkassen bezuschusst werden.

Waldbaden ist eine Form des Badens,
bei der man nicht nass wird.
Es sei denn, es regnet.

Wer hat das Waldbaden erfunden?

Verschiedentlich taucht die Frage auf, wer das Waldbaden erfunden hat – aber das ist keiner einzelnen Person zuzuschreiben. Der Begriff Shinrin Yoku wurde offenbar 1982 vom japanischen Ministerium für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei geprägt. Die Idee dahinter war, den gesundheitlichen Wert des Waldes für gestresste Menschen zu nutzen.

Obwohl Waldbaden als moderner Begriff aus Japan stammt, gibt es zahlreiche Kulturen, wie zum Beispiel die Kelten oder die Germanen, bei denen der Wert und die Verehrung des Waldes eine bedeutende Rolle spielten.

In der Spätromantik betonten Naturheilkundler wie der Pfarrer Sebastion Kneipp die gesundheitsfördernde Wirkung vom Aufenthalt in der Natur. Später verordneten Ärzte in ganz Europa kranken Menschen Kuren in Waldgebieten.

Kurz gesagt: Waldbaden ist ein aus Japan stammendes Konzept zur Förderung der Gesundheit mit wissenschaftlichem Hintergrund, das auf alte Traditionen der Wald- und Naturverbundenheit zurückgreift.

Dr. Qing Li: Pionier der Waldbaden-Forschung

Unter den Wissenschaftlern, die das Waldbaden erforschten, belegen vor allem die Arbeiten des japanischen Mediziners und Immunologen Prof. Dr. Qing Li die positiven Effekte des Aufenthalts im Wald auf das Immunsystem, auf die Stressreduktion und auf das allgemeine Wohlbefinden. Er gilt als Experte für Waldmedizin.

Inspiriert von eigenen Naturerfahrungen in seiner Jugend wurde Dr. Li von der Frage geleitet, warum sich Menschen in Wäldern so gut fühlen. Er wollte herausfinden, was diese geheime Kraft der Bäume ist, die uns glücklich fühlen lässt und uns gesünder macht. Und in seiner Forschung ging der Mediziner der Frage nach, warum in der Atmosphäre des Waldes unser Stresspegel deutlich sinkt und wir uns energiegeladener fühlen.

Erlebe Dr. Qing Li in diesem Video (engl.) und erfahre mehr über die Hintergründe, die Wissenschaft und die Anwendung des Waldbadens:

 

Die wertvolle Medizin des Waldes: Das Buch von Dr. Qing Li »

Achtsamkeit als wichtiger Faktor beim Waldbaden

Nimmt jeder, der im Wald unterwegs ist, ein „Waldbad“? Gibt es einen Unterschied zwischen Waldbaden und einem gewöhnlichen Waldspaziergang?

Ein Teil der Wirkfaktoren, wie zum Beispiel die ruhige Umgebung, der Abstand vom Alltäglichen und die gute Luft, kommen natürlich jedem zugute, der in irgendeiner Weise im Wald unterwegs ist.

Dennoch gibt es einen Unterschied zum Waldbaden – und der hat mit Bewusstsein bzw. mit Achtsamkeit zu tun. Beim Waldbaden sind wir mit unserer ganzen Aufmerksamkeit anwesend. Wir spüren uns selbst bewusst mit allen Sinnen: Unseren Atem, jeden unserer Schritte und jede unserer Bewegungen.

Unsere Sinne sind offen für alles, was wir hören, sehen, riechen, schmecken oder fühlen können. Wir sind vollständig da! Unsere Gedanken hetzten nicht länger irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her, sondern wir befinden uns mit vollkommener Präsenz im gegenwärtigen Moment.

Diese achtsame Fokussierung auf das Hier und Jetzt lässt die zahllosen verwirrten Gedanken zur Ruhe kommen. Dadurch kehrt nach und nach Ruhe ins Gehirn ein – eine Ruhe, die sich wiederum beruhigend und regenerierend auf die körperlichen Prozesse auswirkt.

Die besondere Wirkung des Waldbadens hat also viel mit Achtsamkeit zu tun.

Ich wuchs im Wald zwischen Farnen auf,
wo Licht durch tausend Blätter tropfte.
Die Bäume sprachen ohne Worte,
wenn Wind durch ihre Kronen lief.
Ich war ein Kind aus Moos und Erde,
lief barfuß über Tannennadeln,
roch Harz und Nebel, nasse Rinde,
hörte den Herzschlag alter Zeit.
Noch heute, wenn die Stille ruft,
zieht’s mich zurück in dunkle Wege,
wo Wurzeln flüstern, Zweige winken,
und ich mich wieder finde – ganz.

(Ulla Hahn)

Gesundheitliche Auswirkungen: Wie der Wald Körper und Geist stärkt

Die besondere Heilkraft des Waldes wird vor allem sogenannten Terpenen zugesprochen. Terpene sind Duftmoleküle, die von Pflanzen und Bäumen abgesondert werden. Es sind genau diese Terpene, die den typischen Waldduft erzeugen – vor allem Nadelbäume verströmen viele Terpene.

Sind wir im Wald unterwegs, nehmen wir die Terpene beim Atmen über die Riechschleimhäute der Nase in uns auf. Von hier aus gibt es Signale zum Gehirn, das bestimmte Hormone und Botenstoffe ausschüttet, die wiederum bestimmte körperliche Prozesse beeinflussen. Eine der wichtigsten gesundheitsfördernden Wirkungen der Terpene, die Dr. Li herausgefunden hat, ist die Stärkung des Immunsystems.

Warum ein Waldbad wohltuend wirkt

Wahrscheinlich ist es die besondere Mischung aus den folgenden Faktoren, die unseren aufgewühlten Geist beruhigt und unserem Herzen Frieden schenkt:

  • Gedämpfte Geräuschkulisse
  • Abwesenheit von Stadtlärm
  • (Scheinbare) Unberührtheit der Natur
  • Abwesenheit von Menschenmassen
  • Naturgeräusche
  • Weiches Licht
  • Schutzgefühl durch das dichte Blätterdach
  • Farbe Grün

Heilendes Grün

Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete in seiner bekannten Farbenlehre Grün als eine ausgewogene, harmonische Farbe. Weil sie im Farbspektrum zwischen den Extremen von warmen und kalten Farben liegt, nannte er Grün „die ruhige Mitte“ – eine Farbe, die die Zufriedenheit, Ausgleich und Ruhe vermittelt.

Blick in ein sonnendurchflutetes Blätterdach

Ist Waldbaden esoterisch?

Um die Heilkraft des Waldes zu nutzen, musst du nicht esoterisch veranlagt sein. Entdecke einfach den Wald als einen Ort der Ruhe und Kraft für dich. Vertiefe dein achtsames Gewahrsein und komme mit deinen Sinnen und mit dir selbst in Kontakt. Daran ist nichts Esoterisches.

Was macht man beim Waldbaden?

Grundsätzlich kannst du durch den Wald wandern, joggen oder ihn mit dem Fahrrad durchqueren. Doch das sind Aktivitäten mit viel Dynamik und Tempo. Dabei rauschen die sinnlichen Erfahrungen ungesehen und ungefühlt an einem vorbei.

Mein Rat ist, bewusst langsam zu gehen. Japanische Ärzte sagen, man solle beim Waldbaden nicht mehr als ungefähr einen Kilometer pro Stunde zurückzulegen.

Ich bin oft mit meiner Freundin Ishtar im Wald unterwegs. Dann gehen wir langsam – und legen auch mal ein Päuschen ein. Im letzten Sommer habe ich einen selbstgebackenen Kuchen und eine Thermoskanne Tee mitgenommen. Das haben wir dann auf einer Bank im Wald zusammen mit dem schönen Ausblick und umgeben vom Duft des Waldes genossen. Meistens gehen wir einfach nur – aber manchmal gibt es auch eine kleine „Wald-Celebration“.

Kreiere doch deine ganz persönliche Wald-Achtsamkeits-Tour.

Person sitzt im Wald an einen Baum angelehnt

Was du zum Waldbaden mitnehmen solltest

Wenn du die Idee hast, in den Wald zu gehen, dann überleg dir vorher, was du dazu brauchst. Manch einer nimmt eine ganze Survival-Ausrüstung mit – ein anderer nur sich selbst. Was du auf jeden Fall dabei haben solltest, ist

  • kleine Flasche Wasser
  • Taschentücher
  • aufgeladenes Handy

Im Wald besteht immer die Möglichkeit, sich eine Zecke einzufangen. Mit langen Hosen, einem langärmligen Oberteil und Zeckenspray solltest du aber bestens dagegen gewappnet sein.

Lesen, schreiben und Musik hören im Wald?

Ich höre immer mal wieder, dass Leute Schreibzeug mitnehmen, oder ein Buch – und sehr oft auch Kopfhörer, um unterwegs Musik zu hören. Darauf solltest du beim Waldbaden aber besser verzichten. Warum? Wenn du liest, schreibst oder Musik hörst, bist du versunken in anderen Welten – du bist nicht in einem achtsamen Kontakt mit deinen Sinnen und dem, was um dich herum wahrnehmbar ist.

Wenn du in den Wald gehst, um zu lesen oder zu schreiben – dann tu das. Aber wenn du mit der Absicht des Waldbadens in die Natur gehst und von seinen Wirkungen profitieren möchtest, dann solltest du das auch wirklich tun.

Nutze Achtsamkeit im Wald, um tief mit dir in Kontakt zu kommen

Ein Teil der Wirkung des Waldbadens entsteht ja gerade durch absichtsvolles Nichtstun. Es ist die Abwesenheit von den Ablenkungen des Alltags, die dir hilft, wieder zu dir zu kommen. Dieser Effekt wird verfehlt, wenn du dich mit anderen Dingen „wegmachst“. Damit würdest du sozusagen die geistige „Zerfaserung“ des Alltags im Wald mit anderen Mitteln fortsetzen. Deshalb würde ich das eher lassen.

Manchmal ist weniger mehr. Nichts tun … einfach nur verweilen, sich der eigenen Gegenwart erfreuen und den umgebenden Zauber des Waldes mit allen Sinnen genießen.

Waldbaden zu zweit?

Du musst natürlich nicht alleine in den Wald gehen. Wenn du jemanden mitnimmst, dann sollte das eine Person sein, die deine innere Stille vertieft. Den ganzen Spaziergang über Alltagsprobleme zu wälzen, würde den Zweck des Waldbadens verfehlen. Aber vielleicht findet ihr Freude daran, das Waldbaden gemeinsam zu praktizieren.

Muss Waldbaden unbedingt im Wald stattfinden?

Als menschliche Wesen brauchen wir den Wald mit seinen Bäumen, um uns wohl und geerdet zu fühlen. Zu wenig Natur macht uns krank.

Aber nach meiner Erfahrung muss es nicht unbedingt ein ganzer Wald sein. Auch ein Aufenthalt in einem Park kann nährend für die Seele sein. Oder eine stille Seitenstraße mit Bäumen und schönen Vorgärten.

Selbsterfahrung:

Achtsames Waldbaden: Erfahrungsbericht

Ich hatte mich auf ein Waldbaden-Angebot meiner Achtsamkeitslehrerin eingelassen. Anfangs hatte ich das Gefühl, dass sich die Unruhe, die ich gewöhnlich spüre, noch verstärkt hat. Doch jeder Schritt der Geh-Meditation im Schweigen, den wir machten, hat mehr Ruhe in meine Gedanken gebracht. Ich merkte, wie mein Atem von alleine immer tiefer wurde und ich mich zunehmend entspannt habe.

Wir haben uns später beim Gehen auch unterhalten – aber mein Wald-Guide hat darauf geachtet, dass die Gspräche einen ruhigen Charakter behielten. Wenn es intensiv wurde, hat sie angehalten und hat meine Aufmerksamkeit auf die Umgebung gelenkt. Ich sollte beschreiben, was ich sehe, was ich höre und rieche, und ich sollte Blätter, Moos und Rinde anfassen.

Diese sinnlichen Erfahrungen erinnerten mich an meine Kindheit. Ich war irgendwie beschämt, bei dem Gefühl, als würde ich zum ersten Mal sehen, hören, riechen oder fühlen – als hätte ich meine Sinne vorher noch nie benutzt.

Hinterher war ich sehr ruhig und entspannt. Und diese Erfahrung des Waldbadens hat mich nachdenklich zurückgelassen. Irgendwas in mir hat sich verändert. Noch kann ich nicht sagen, was es ist – aber es fühlt sich gut an.

Brigitte Syber

Eine Person geht barfuß im Gras

Achtsamkeit im Wald:
3 beliebte Übungen mit Anleitungen

Ich hab ja schon gesagt, dass es beim Waldbaden vor allem um Präsenz und Nichtstun geht – aber für den Fall, dass du die Wirkung des Waldbadens unterstützen möchtest, sind hier noch 3 beliebte Achtsamkeitsübungen.

1. Achtsamkeitsübung: Gehmeditation

Erfahre hier wie du achtsames Gehen richtig praktizierst »

2. Achtsamkeitsübung: Windatem

  • Verbinde dich mit deinem Atem, indem du ihn einige Male in seinem eigenen Rhythmus und seiner eigenen Intensität ein- und ausströmen lässt.
  • Wenn du bereit bist, hebe mit der nächsten Einatmung beide Arme ausgestreckt über die Seiten nach oben, bis sich die Handflächen über dem Kopf berühren.
  • Dann wende die Handflächen nach außen und mit der nächsten Ausatmung senke deine Arme wieder langsam nach unten.
  • Schultern und Hände dabei locker lassen.
  • Versuche, Atem und Bewegung so miteinander zu verbinden, dass eine lebendige Flow-Bewegung entsteht. Stell dir dabei vor, wie du die heilsame terpenreiche Waldluft tief in dich aufnimmst.

3. Achtsamkeitsübung: Naturvertrauen

In allen spirituellen Kulturen unserer Erde haben Menschen schon immer Vertrauen in die Erneuerungskräfte der Natur gesetzt. Auch diese Übung greift darauf zurück. 

Manchmal tragen wir etwas schon viel zu lange mit uns herum: Schmerzvolle Situationen, auf die wir keinen Einfluss haben; Dinge, die sich lange schon selbst überlebt haben und die wir bislang noch nicht loslassen konnten oder alte Schuldgefühle. Vielleicht möchtest du auch mit einem bestimmten Lebensabschnitt abschließen.

Leben ist Bewegung. Alles in unserem Dasein ist ständigen Änderungen unterworfen. Deshalb kannst du das, was nicht mehr zu dir gehört, symbolisch dem sich ständig erneuernden Kreislauf der Natur anvertrauen.

  • Suche dir dazu ein schönes Blatt, einen Tannenzapfen, ein Stück Holz oder einen Stein – irgendetwas, das für dich verkörpert, was du loslassen möchtest.
  • Dann wähle einen schönen Platz im Wald aus, mach dort eine kleine Kuhle und lege den Gegenstand hinein.
  • Verabschiede dich respektvoll von dem, was du loslassen möchtest. Vertraue es der Erde und überlasse es den natürlichen Zyklen des Lebens, damit das Alte zum Dünger für etwas Neues werden kann.
  • Bedecke den Gegenstand abschließend mit etwas Erde.

© Doris Kirch