Doris Kirch

Die Buddhistische Psychologie ist ein ganzheitlicher psychologischer Ansatz, der sich mit der Natur des Geistes, dem Bewusstsein und dem menschlichen Leiden beschäftigt. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse werden hier mit der Weisheit und den Übungen aus der Jahrtausende alten buddhistischen Tradition in einer harmonischen Synthese zusammengeführt.

Definition: Buddhistische Psychologie

Die Buddhistische Psychologie ist eine neu entstehende Ausrichtung im Bereich von Psychologie und Psychotherapie. Sie kombiniert die Erkenntnisse von moderner Psychologie und Neurowissenschaften mit dem Wissen, den Methoden, Übungen und Erfahrungen der zweieinhalbtausend Jahre alten buddhistischen Lehre.

Durch die harmonische Integration von buddhistischen und psychotherapeutischen Behandlungsweisen wird dem Patienten ein weit größerer innerer und äußerer Bezugsrahmen für sein Leben und Erleben geboten, als eine rein auf psychische Symptome begrenzte Behandlung.

Psychologie im Wandel

Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten, die sich damit beschäftigt, wie Menschen denken, fühlen und handeln. Unsere psychische Grundstruktur ist seit den ersten Menschen praktisch gleich geblieben, aber wir haben heute völlig andere Lebensumstände.

Die Fähigkeit zur Anpassung an sich verändernde Umstände blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf das menschliche Erleben und Verhalten – was dazu führte, dass sich auch in der Psychologie Sichtweisen und Schwerpunkte immer wieder verlagert haben.

Über die Jahrzehnte gab es verschiedene psychologische Theorien und Schulen; zum Beispiel TiefenpsychologieBehaviorismusKognitivismus (Kognitive Verhaltenstherapie), Humanistische PsychologiePositive Psychologie und Systemische Psychologie.

Jeder dieser Ansätze hat seine eigenen Vorgehensweisen und Methoden. In der modernen Psychologie werden verschiedene Ansätze manchmal miteinander kombiniert.

Eine neue Welle

Derzeit erleben wir eine neue Welle der Psychologie, die aus existenziellen Fragen, aus der Auseinandersetzung mit Sinnhaftigkeit und aus der Sehnsucht nach spiritueller Verbindung hervorgeht. Psychotherapeuten machen zunehmend die Erfahrung, dass Menschen in der Therapie nach mehr suchen, als nach einer Behandlung von psychischen Symptomen.

Zwei bedeutende Entwicklungen in unserer Gesellschaft bringen diese neue Ausrichtung in der Psychologie geradezu hervor:

  • Zum einen wurde Meditation in den letzten Jahren aus der esoterischen Schmuddelecke befreit. Wissenschaftliche Forschungen bestätigen ihren Wert für unsere geistige und körperliche Gesundheit. Meditation ist „salonfähig“ geworden.
  • Zum anderen erleben wir derzeit einen Zerfall der etablierten Staatskirchen. Immer mehr Menschen fühlen sich religiös und spirituell entwurzelt und suchen nach zeitgemäßen Alternativen, um den Durst ihrer Seele zu stillen.

Viele werden fündig in der buddhistischen Tradition. Hier gibt es verschiedene Schulen, von denen einige in einen religiösen Kontext eingebunden sind, wie zum Beispiel der Tibetische Buddhismus.
Es gibt aber auch Richtungen, die frei von religiösen Einflussen sind, wie zum Beispiel der Zen-Buddhismus und die Form des säkularen Buddhismus.

Buddha und Zitat

Die Lehre des Buddha hat also sowohl für diejenigen etwas zu bieten, die einen Gottesglauben haben, als auch für diejenigen, die keinen haben.

Viele Menschen suchen einfach nach einem zeitgemäßgen umsichtigen, von Freundlichkeit geprägten Lebensstil. Was der Buddha an Weisheit, Klarheit und Mitgefühl lehrte, lässt sich in dieser Hinsicht in jede Weltanschauung integrieren.

So unterschiedlich die einzelnen buddhistischen Ansätze auch sein mögen – es gibt eine stabile Grundlage, die alle buddhistischen Schulen und Richtungen vereint.

Der Unterschied zwischen moderner und buddhistischer Psychologie

Die zeitgenössische Psychologie verfolgt schwerpunktmäßig einen pathologisierenden Ansatz. Ihr Fokus liegt vor allem auf Defiziten, Störungen, Problemen und Konflikten, und die Psychotherapie verfolgt die Absicht, seelisch-psychische Symptome zu heilen oder zumindest zu lindern.

Ganz anders ist das im buddhistisch-psychotherapeutischen Ansatz. Er ist für jeden Menschen geeignet, denn er fördert ganz allgemein heilsame Geisteszustände, indem er positive Eigenschaften fördert und stabilisiert.

Um sich mit buddhistischer Pychologie zu beschäftigen, muss man nicht „gestört“ oder „krank“ sein. Ihre Methoden, Vorgehensweisen und Übungen verhelfen zu tiefer Selbsterkenntnis und unterstützen dabei, das eigene geistige und emotionale Potenzial zu entfalten und seinen Weg zu einem sinnhaften, erfüllten und glücklichen Leben zu finden.

Was sind die Grundlagen der Buddhistischen Psychologie?

Der buddhistische Lehrer Jack Kornfield hat die komplexen Inhalte der buddhistische Psychologie in seinem Buch Das weise Herz in 26 Prinzipien zusammengefasst:

Die 26 Prinzipien der buddhistischen Psychologie

  1. Erkenne den inneren edlen Kern und die Schönheit jedes Menschen.
  2. Unsere innere Natur ist Mitgefühl. Es entsteht aus unserer Verbundenheit mit allen Dingen.
  3. Wenn wir die Aufmerksamkeit (von der Erfahrung) auf das Bewusstsein lenken, entsteht Weisheit.
  4. Erkenne die geistigen Zustände, die das Bewusstsein füllen. Wandle unheilsame in heilsame um.
  5. Unsere Vorstellung vom Selbst entsteht durch Identifikation. Je weniger wir am Selbst festhalten, desto freier und glücklicher werden wir.
  6. Unser Leben hat sowohl eine universelle als auch eine individuelle Dimension. Beide müssen respektiert werden.
  7. Wenn wir unseren Erfahrungen achtsame Aufmerksamkeit entgegenbringen, wirkt dies befreiend.
  8. Die Achtsamkeit des Körpers erlaubt uns, unser Leben ganz zu leben.
  9. Weisheit erkennt, welche Gefühle präsent sind, ohne sich in ihnen zu verlieren.
  10. Gedanken sind oft einseitig und falsch. Lerne, dir der Gedanken bewusst zu sein, anstatt dich darin zu verlieren.
  11. Es gibt das persönliche und das universelle Unbewusste. Das Unbewusste mit Gewahrsein zu durchdringen, führt zu Freiheit und Einsicht.
  12. Die unheilsamen Aspekt unserer Persönlichkeit können erkannt und umgewandelt werden, sodass unser natürliches Temperament heilsamen Ausdruck findet.
  13. Es gibt heilsame und unheilsame Wünsche. Lerne den Unterschied kennen und finde inmitten deiner Wünsche Frieden.
  14. Wenn wir an Ärger oder Hass haften, werden wir leiden. Eine von Hass freie Reaktion ist möglich.
  15. Ungewissheit begreift die Welt nicht und vergisst, wer wir wirklich sind. Sie liegt allen unheilsamen Geisteszuständen zugrunde.
  16. Die vier edlen Wahrheiten: Schmerz ist unvermeidlich, Leiden nicht. Leiden entsteht durch Anhaftung. Lerne loszulassen und befreie dich vom Leiden.
  17. Achte auf deine Motivation. Motivation und Absicht sind die Samen, aus denen unsere Zukunft entsteht.
  18. Was immer wir visualisieren, verändert unseren Körper und unser Bewusstsein.
  19. Was wir immer und immer wieder denken, formt unsere Welt. Unheilsame Gedanken sollen durch heilsame ersetzt werden.
  20. Die Macht der Konzentration kann durch innere Übung geschult werden. Konzentration öffnet das Bewusstsein für die tief reichenden Dimensionen von Heilung und Einsicht.
  21. Tugend und Integrität sind unabdingbare Voraussetzungen für wahres Glück.
  22. Vergebung ist sowohl nötig als auch möglich.
  23. Es gibt keine Trennung zwischen innen und außen, Selbst und anderen. Wenn wir unser Selbst annehmen, nehmen wir die Welt an. Wenn wir uns um die Welt kümmern, kümmern wir uns um uns selbst.
  24. Der Mittlere Weg verläuft zwischen den Gegensätzen. Bleibe in der Mitte.
  25. Verabschiede dich von deinen Meinungen. Befreie dich von festen Ansichten.
  26. Aus einem friedlichen Herzen entsteht Liebe. Trifft Liebe auf Leid, entsteht Mitgefühl. Trifft Liebe auf Glück, entsteht Freude.

Ausbildungen in Buddhistischer Psychologie*

Die Begriffe Buddhistische Psychologie oder Buddhistische Psychotherapie sind gesetzlich nicht geschützt. Daraus ergibt sich bei den Ausbildungsangeboten ein gewisser „Wildwuchs“.

Viele Aus- und Fortbildungs-Angebote sind irritierend kurz: sie werden in wenigen Stunden und oft sogar nur online durchgeführt. In einer der Ausbildungen darf man sich nach 10 Tagen „Buddhistischer Therapeut“ nennen.

Die in kurzen Seminaren und Intensivkursen vermittelten Inhalte beschränken sich vorwiegend auf theoretisches Wissen … das man auch in jedem Buch zum Thema findet.

In Österreich wird ein „Diplomlehrgang“ in buddhistischer Psychologie angeboten. Doch Achtung: auch wenn hier eine universitäre Ausbildung suggeriert wird – mit unserem deutschen Verständnis von Studium und Diplom hat das nichts gemeinsam. In Österreich geht man recht entspannt mit diesen Begriffen um.

Was kostet eine Ausbildung in Buddhistischer Psychologie? 

Die Kosten für eine Ausbildung in Buddhistischer Psychologie schwanken zwischen einigen Hundert bis zu einigen Tausend Euro. Die Zahlungsbedingungen sind meist klarer definiert als das, was konkret geboten wird. Zum Beispiel ist eine präzise Angabe, wie viele Ausbildungsstunden das jeweilige Angebot exakt umfasst, bei keinem Anbieter zu finden.

Voraussetzungen nicht erforderlich

Voraussetzungen müssen nirgends mitgebracht werden. Ein ebenfalls irritierender Umstand. Im schlechtesten Fall würde das nämlich bedeuten, dass sich jemand, der zuvor noch nie auf einem Meditationskissen gesessen hat, nach ein paar Stunden Ausbildungszeit am Bildschirm damit schmückt, eine Ausbildung in Buddhistischer Psychologie zu haben oder sogar Buddhistischer Therapeut zu sein.

Das sendet völlig falsche Signale, denn es rückt ihn in die Nähe Psychologischer Psychotherapeuten, die sich ihre Qualifikation im Laufe vieler Jahre über Studium und zahlreiche intensive Fortbildungen erarbeitet haben.

Unter Umständen wird damit dem späteren Klientel, ein echter „Bärendienst“ erwiesen. Zumindest schadet es aber der Sache als solches, wenn aus mangelnder Selbsterfahrung und mangelndem echten Verständnis der buddhistischen Grundlagen Wissen und Übungen vermittelt werden – bzw. auf eine Weise vermittelt werden – die dem Geist der ursprünglichen Lehre nicht gerecht werden.

Quick- & Easy-Ausbildungen

Ich möchte den Anbietern da gar keinen Vorwurf machen. Viele würden wahrscheinlich viel lieber eine mehrjährige Ausbildung mit hohem Präsenzanteil offerieren. Aber seit einigen Jahren ist eine deutliche Verhaltensänderung bei den Interessenten zu beobachten: Die meisten sind nur noch oberflächlich interessiert; viele sind vor allem auf der Jagd nach Zertifikaten und Titeln.

Ich erlebe den Anbietermarkt von AchtsamkeitMBSRMBI’s (Mindfulness Based Interventions), Meditation und buddhistischer Psychologie seit über drei Jahrzehnten. Derzeit sehe ich einen massiven Rückgang der Bereitschaft von Interessenten, sich längerfristig (und vor allem tief) auf inhalts- und selbsterforschungslastige Fortbildungen einzulassen. McMindfulness ist voll im Trend.

Wollen Bildungsanbieter wirtschaftlich überleben, bleibt ihnen also derzeit nichts anderes übrig, als ihre Aus- und Fortbildungsangebote den Bedürfnissen des Marktes anzupassen.

Die Folge davon ist, dass die Qualität dessen, was dem späteren Klientel dieser Ausbildungsteilnehmer zuteil wird, unter Umständen nur noch ein blasser Abglanz von dem ist, was es seinem Ursprung nach sein könnte. Bestenfalls ist es nur ein blasser Abglanz – schlechtestenfalls ist es sogar kontraproduktiv.

Fazit

Augen auf bei der Wahl eines Ausbildungsanbieters in Buddhistischer Psychologie!

Im Buddhismus spricht man davon, „mit dem Herzen das Herz weiterzugeben“. Es geht hier also nicht um das Dozieren theoretischer Konzepte. 

Die Lehre des Buddha wird am besten in der lebendigen Begegnung von Mensch zu Mensch vermittelt – denn es geht dabei um unser gemeinsames Menschsein. Wer glaubt und sogar sagt, so etwas ließe sich in einem kurzen Seminar und/oder online erlernen, hat entweder nicht verstanden, worum es geht – oder er lügt sich selbst in die Tasche.

Wer in Therapie, Beratung oder Coaching nach buddhistischen Grundlagen arbeiten möchte, sollte so gut wie möglich selbst aktiv den Weg des Buddha gehen und eine regelmäßige Meditations- und Retreat-Praxis haben.

In der TARA Achtsamkeitstrainer-Ausbildung des DFME sprechen wir von verkörperter Praxis. Um die Praxis verkörpern zu können, braucht es viel Selbsterfahrung und Erfahrungen in der Einzelarbeit und in Kurs-(Gruppen-)Settings.

Meine Empfehlung

Wenn du die Lehre des Buddha in deine therapeutische oder beratende Tätigkeit einbringen willst, dann möchte ich dir gerne ans Herz legen, dich auf den Weg als einen langfristigen Prozess einzulassen.

Sei dir dabei bewusst, dass du in den Fußspuren des Buddha gehst. Das ist eine Ehre, der du dich würdig erweisen solltest. Zudem ist es eine wundervolle Transformation die dich deinem eigenen Glücklichsein mit jedem Schritt ein bisschen näherbringt.

*Diese Informationen beziehen sich auf eine Recherche im März 2025. 

Ausbildungsinstitute für Buddhistische Psychologie und Buddhistische Psychotherapie

Tibetisches Zentrum e. V.
Ausbildung in Buddhistischer Psychologie, geleitet von Oliver Petersen

Tibetzentrum Institut Österreich
Ausbildung in Buddhistischer Psychologie und Meditation

Zentrum für Buddhistische Psychotherapie
Ausbildung von Matthias Ennenbach

Buddhas Weg GmbH & Co. KG 
Ausbildung in Buddhistischer Psychologie

Deutsches Fachzentrum für Achtsamkeit (DFME)
TARA-Achtsamkeitstrainer-Ausbildung
(Keine explizite Ausbildung in Buddhistischer Psychologie – aber die Ausbildung basiert auf deren Grundlagen)

Buddhabild und Zitat

Bücher über Buddhistische Psychologie & Psychotherapie

Buddhistische Basics
f
ür Psychotherapeuten
Ulrike Anderssen-Reuster & Michael von Brück

Buch "Buddhistische Basics für Psychotherapeuten"

Buddhistische Psychologie
Grundlagen und Praxis
Tilmann Borghardt & Wolfgang Erhardt

Buch: "Buddhistische Psychologie"

 

Buddhistische Psychotherapie
Matthias EnnenbachBuch: "Buddhistische Psychotherapie"

Buddhistische Psychotherapie – Praxisbuch
Matthias EnnenbachBuch: "Buddhistische Psychotherapie - Praxisbuch"

 

Buddhistische Psychotherapie – Übungsbuch
Matthias Ennenbach

Buch: "Buddhistische Psychotherapie - Übungen"

Die Heilkraft buddhistischer Psychologie
Thich Nhant Hanh

Buch: "Die Heilkraft buddhistischer Psychologie"

 

Achtsamkeit, Meditation &
Psychotherapie

Chögyam TrungpaBuch: "Achtsamkeit, Meditation und Psychotherapie"

Buddhistische Psychotherapie in der Anwendung
Matthias EnnenbachBuch "Buddhistische Psychotherapie in der Anwendung"

© Doris Kirch

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